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Handelsblatt - Perspektiven Nr. 163 - 22. August 2008-09-26 WEITERBILDUNG:Mönch und Manager: Klostermauern halten Stress ab. Führungskräfte finden zu sich selbst oder einem neuen Arbeitsverständnis.
Die Abendsonne taucht den Speisesaal in freundliches Licht Pastellgrüne Wände, altes Mobiliar – gemütlich hier. Andreas Wiedmann schiebt sich am Buffet vorbei. Geschirr klappert, hinter den großen Fenstern brummt der Würzburger Feierabendverkehr. Nur eines fehlt: Stimmen. Die 50 Männer und Frauen, die in Haus Benedikt, dem Stadtkloster der Abtei Münsterschwarzach, zum ,,Curriculum Fuhren und geführt werden“ zusammengekommen sind, kauen auf belegten Broten statt auf den Eindrucken eines Klostertages herum.,,Von anderen Führungsseminaren war ich es gewohnt, dass die Teilnehmer das Gelernte sofort bereden – oder auch zerreden. Dem schiebt das Schweigen einen Riegel vor. Die Seminarinhalte können sich setzen“, sagt Wiedmann, nachdem der Kursleiter mit einem Klangholz den Bann gebrochen hat. Gedampfte Unterhaltung setzt ein, wahrend die Tische abgeräumt werden. Alle helfen mit – auch daran müssen sich Seminarlöwen erst gewöhnen. Ebenso wie an Zimmer ohne Minibar und Videokanal. Per Reiz des Ungewohnten ist einer der Gründe, warum Managementtrainings im Kloster Konjunktur haben. Führungskräfte tanken auf: Kraft fürs Büro und Ideen für eine bessere Business-Welt. Übers Jahr verteilt finden in Haus Benedikt rund 50 ,Kurse für Menschen in beruflicher Verantwortung“ statt. Geschäftsführer kommen genauso wie Controller und Ingenieure. Aushängeschild im Programm ist das ,,Curriculum Führen und geführt werden“, das vier Bausteine von jeweils drei Tagen Dauer enthalt: ,,Menschen führen ~ Organisationen leiten“, ,,Sich selbst fuhren“, ,,Miteinander reden“ und ,Authentisch sein“. Zu jedem Baustein gehört ein Vortrag von Pater Anselm Grün, dem wirtschaftlichen Leiter der Abtei Münsterschwarzach und Autor mehrerer Bücher über Lebenshilfe. Kursleiter Friedrich Assländer, der nach seinem BWL und Psychologiestudium Führungskraft in einem Finanzkonzern war und sich seit 25 Jahren mit Meditation und Zen-Buddhismus beschäftigt, will seinen Seminarbesuchern zweierlei mitgeben: ,,Zum einen Handwerkszeug von Zeitmanagement bis Konflikttraining. Zum anderen wollen wir ihnen zeigen, dass zum beruflichen Erfolg mehr nötig ist als Methodenwissen: nämlich die Fähigkeit, die andere Seite der Dinge zu sehen, sich und die Umwelt zu hinterfragen.“ Täglich stoßen Menschen im Beruf an ihre Grenzen. Immer neue Aufgaben, wechselnde Teams, Druck von allen Seiten – da kommen viele nicht mit. ,,Sie überlegen, ob es noch etwas anderes außer einem guten Tagesplan gibt, das sie tragt“, beobachtet Assländer. ,,Sie fragen: Was für einen Sinn hat mein Tun, mein Leben?“ In einem Satz lasst sich diese Frage nicht beantworten, weil kein Mensch wie der andere ist. ,,Jeder muss für sich in sein Inneres horchen. Das ist eine spirituelle, also geistige Erfahrung. Sie kann ich nicht beschreiben oder nachlesen, ich muss sie machen.“ Es ist Montag, um die Mittagszeit, und Andreas Wiedmann stellt seinen Wagen hinter Haus Benedikt ab. Motor aus, Managersein aus, Mensch und ein kleines bisschen Mönchsein an. Bis Mittwochabend hat der 44-Jahrige, der als Personaler bei British Telecom Deutschland in München arbeitet, Zeit für sich und zum Nachdenken, was ,,authentisch sein“ heifit und was ihm die drei vorangegangenen Module des Curriculums gebracht haben. Die Kursstruktur in Wurzburg lehnt sich an die Regel ,,0ra et labora“ an, nach der die Mönche des Benediktinerordens seit 1 500 Jahren leben: Phasen der Arbeit, also des Lernens im Seminar, wechseln sich mit Phasen des Gebets oder der meditativen Stille ab. ,,Ich gehe nach außen, und dann wieder nach innen“, erläutert Kursleiter Assländer. ,,Die Ruckmeldungen der Teilnehmer zeigen, dass durch die Phasen von Stille und Meditation die Erfahrungen aus dem Kurs verarbeitet und vertieft werden.“ Exerzitien für Manager: Atem holen bei Bibelarbeit
Durch die Klosterpforte tritt Andreas Wiedmann in ein anderes Leben. Es hat einen klaren Rhythmus: Morgens Qigong und Meditation, wahlweise Gottesdienst mit den Mönchen. Bis 21 Uhr folgen dann im Wechsel Seminarstunden und unterschiedliche Meditationen mit Übungen wie Atemzahlen oder dem stummen Wiederholen eines Leitsatzes. Dazwischen Hegen die Mahlzeiten, die einem Ritual folgen. Wenn alle im Speisesaal hinter ihren Platzen stehen, schlägt der Kursleiter das Klangholz an. Ab diesem Moment wird geschwiegen. Das zweite Zeichen lädt zum Setzen ein, Nach dem Essen kehrt sich der Ablauf um. Jedes Detail hat einen Sinn. Diesen zu erkennen, "Achtsamkeit“ zu entwickeln für sich selbst und seine Umwelt, bezeichnet Assländer als eigentliches Ziel des Curriculums. ,,Achtsamkeit ist die Grundlage eines jedes spirituellen Weges“, sagt er. ,,Wenn ich im Beruf achtsam gegenüber Mitarbeitern bin und achtsam meine Arbeit mache, habe ich Erfolg. Ich arbeite nicht langsamer, aber konzentrierter.“ Personaler Wiedmann helfen auch die bewußten meditativen Pausen bei seinem Job: ,,Vor wichtigen Terminen halte ich einen Augenblick inne, sammle mich, um dann umso konzentrierter in den Termin zu gehen – das habe ich in Haus Benedikt gelernt. Dieses kurze Innehalten ist es wert, mal eine Minute zu spät zu kommen.“ Die Münsterschwarzacher Mönche sind nicht die einzigen, die die Regel des Heiligen Benedikt als Grundlage für Führungskräftetrainings nutzen. Johannes Eckert, Abt im bayerischen Kloster Andechs, veranstaltet zweimal jährlich ,,Exerzitien für Manager“. Er sieht den Kurs, der in der Klausur des Klosters stattfindet und deshalb Männern vorbehalten ist, als ,,geistlichen Übungsweg“. Im niedersächsischen Kloster Loccum bieten die evangelischen Pastoren Ralf Reuter und Peer-Detlev Schladebusch (fünf Mal im Jahr ein mehrtägiges ,,Führungskräfte-Retraite“ an. ,,Retraite“ bedeutet ,,Rückzug auf Zeit“, Atem holen bei Bibelarbeit. Manchmal dient das Kloster auch nur als stilvoller Rahmen, ohne dass die Kursinhalte mit Spiritualität zu tun haben. Im Kloster Seeon in der Nahe des Chiemsees beispielsweise, leben seit 200 Jahren keine Mönche mehr. Trotzdem ist die Atmosphäre eine andere als im Tagungshotel. Kloster ,,haben etwas“, das auch Menschen empfinden, die der Kirche fern stehen. ,,Ich bin religiös, aber ich meine, man muss es nicht sein, um ein Seminar in einem Kloster mit Gewinn zu besuchen“, sagt Wiedmann, der nach drei Tagen bei den M6nchcn seinen Koffer packt. ,,Als Personalmanager frage ich oft Mitarbeiter, wie sie ein Seminar fanden. Häufig wird geantwortet: Das Hotel war gut, oder: Beim Essen müssen die mehr tun. Solche Belanglosigkeiten habe ich noch nie gehört, wenn ich mich mit Seminarteilnehmern in Haus Benedikt austausche.“ Christoph Stehr
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