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Natur & Heilen
Februar 2/2006

Sich selbst und andere führen mit Hilfe der Sprache

Das Wort „Führer“ ist in Deutschland geschichtlich noch immer stark belastet und mit ihm auch das dazu gehörende Verb „führen“ sowie etliche seiner Ableitungen. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Menschen eine tiefe Scheu oder sogar Angst davor haben, eindeutig und klar zu führen und die Richtung zu weisen. Sie haben mit diesem Wort einen folgenschweren Missbrauch gespeichert. Solange die Angst vor dem Wort „führen“ in den Knochen steckt, ist erstens das Führen nicht oder kaum möglich und zweitens ist damit dem nicht oder nur schlecht Geführten das Hinhören-können und Be-Folgen von Anweisungen kaum oder nur schwer möglich.

„Der führt sich vielleicht wieder auf!“ Wer so denkt und spricht, ist sich kaum dessen bewusst, dass er gerade vom „führen“ spricht. Das Wort führen hat vielfach in der Alltagssprache einen negativen Unterton bekommen. Es gibt in diese Sinn zahlreiche Redewendungen wie „Wo soll denn das nur hinführen?“ oder „Jemanden anführen“ neben der neutralen Aussage diese negative Bedeutung angenommen hat.

Eine neue Bewusstheit für das Führen entwickeln

Dabei ist eine klare, umsichtige Führung in allen Lebensbereichen von grundlegender Bedeutung. Es ist wesentlich, dass Eltern ihre Kinder auf den Weg bringen und sie sicher und klar führen, des weiteren ist es wesentlich, dass Vorgesetzte ihre Mitarbeiter sicher und klar führen, und es ist natürlich auch und in aller erster Linie wesentlich, dass ein Mensch – vor allen Dingen einer der andere führt – sich selbst führen kann und die Verantwortung für sich und für sein Denken und Handeln übernimmt. Wer dies nicht tut, der sieht sich oft als Opfer der Umstände und fühlt sich anderen Menschen und ihren Institutionen ausgeliefert. Er ist abhängig und kann leicht abgehängt werden. Die Sprache zeigt dies deutlich. Vielleicht wird er sich am Ende fehlgeleitet, ja ver-führt fühlen.

Dass dies so ist, ist überall in unserem Land zu sehen. Erwachsene kommen ins Schleudern, wenn sie sich und ihr Leben nicht mehr selbstbestimmt führen und steuern können, Kinder folgen nicht, wenn keiner da ist, der sie führt und dem sie folgen können und so weiter. Darum ist es wesentlich, dieses an sich so kostbare Wort „führen“ zu befreien von seinen belastenden Konnotationen aus der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und eine neue Bewusstheit für die Qualität des Führens zu entwickeln. Damit werden noch viel mehr Menschen in der Lage sein, kluge und besonnene Führer in ihrer Familie, in ihrem Betrieb, in der Politik, in ihrem Verein und allem voran auch von sich selbst zu sein. Dies wird jedem Einzelnen und auch der Gesellschaft zugute kommen.

Speicherungen in der Sprache habe Auswirkungen

Jedem Mensch stehen mit jedem Wort und jeder Redewendung individuelle und auch kollektive Speicherungen zur Verfügung. Diese Speicherungen schwingen bei der Kommunikation immer unbewusst mit und tun ihre Wirkung. Sie wirken auf den Sprecher selbst und auch auf den Hörenden. Dabei reaktiviert der Sprecher und auch der Hörende jedes mal neu die mit der jeweiligen Formulierung gespeicherten Themen und Erinnerungen, ohne dies zu merken. So werden mit der gewohnten Ausdrucksweise alte Denk- und Handlungsmuster und damit auch alte kollektive und individuelle Themen unbewusst aufrecht erhalten und an die nächste Generation weitergegeben,

Wenn nur ein Kind wieder und wieder gehört hat „Führ’ dich nicht so auf!“, so wird es mit dem Wort „führen“ eher belastende Gefühle und Bilder gespeichert haben und folglich um das Thema Führen eher einen Bogen machen. Wenn es später als Erwachsener sein Leben selbstbestimmt führen und nicht nur als ein Rädchen im Getriebe funktionieren will, dann wird ihm dies leicht, wenn es sein inneres, belastetes Bild vom Führen erkennt und bewusst wandelt. Dies gelingt erstaunlich leicht mit Hilfe der Sprache.

Die unbewusste Umwandlung gilt nicht nur für diejenigen, die selbst ein Thema mit dem Führen haben. Hier kann jeder einen Beitrag leisten, der für die Wirkungsweisen der Alltagssprache sensibel ist. Die eigene gewandelte Sprache hat immer auch einen Einfluss auf das Umfeld.

Das Wort „führen“ darf wieder strahlen

Das Wort „führen“ sollte also ganz bewusst und im besten Sinn des Wortes als Grundwort und in seinen vielfältigen aufbauenden Zusammensetzungen gebraucht werden, wie „etwas herbeiführen“, „hinzuführen“, „Führungskraft“, „Führungsqualitäten“, „oberer Führungskreis“, „Führungsposition“, „Bergführer“ , „ein glückliches Leben führen“, „ein erfülltes Leben führen“ und andere. Machen Sie sich dabei immer die Bedeutung der Qualität der Worte „führen“ bewusst. Empfinden Sie deises Wort und fühlen Sie seine Wirkung.

Bereits der achtsame und bewusste Gebrauch des Wortes „führen“ lässt dieses Wort wieder erstrahlen und setzt gute Kräfte frei. Wir können noch mehr Energie freisetzen, indem wir uns noch weiter mit dem Wort befassen und ihm noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Betrachten wir dazu die Wortfamilie des Wortes „führen“. Dazu gehören „fahren“, „Gefährte“, „Gefahren“, „gefährlich“, „Gefährt“, „Fahrzeug“, „Fuhre“, „Fuhrwerk“, „Furt“ und „Fahrgemeinschaft“. Daraus ergibt sich schon, dass zum Führen schon immer das Fahren, die geeigneten Furten, die Gefährten und auch die Gefahren gehören.

Ein Führer braucht Führungsqualitäten

Es ist klar, dass ein Führer seine Aufgabe verantwortungsvoll wahrnehmen kann, wenn er eine eindeutige Position als Führer hat, das Ziel kennt und es klar und eindeutig ansteuert. Des weiteren ist es sinnvoll, dass er die erforderliche Klarheit sowie Weitblick hat und ein hohes Maß an Achtsamkeit für sich und seine Mitmenschen. Diese Eigenschaften und entsprechende Einstellungen finden sich als Entsprechung auf der sprachlichen Ebene in der Alltagssprache wieder. Darum gibt die individuelle Alltagssprache eines Menschen auf der unbewussten Ebene durch ihre Struktur starke Signale.

Die Alltagssprache eines Menschen zeigt in der Tat, ob er klar und sicher führen kann oder ob er es nicht kann. Goethe sagte einmal: „Sprich damit ich dich sehe.“ Die Sprache eines Menschen ist seine Visitenkarte. Die erfolgreiche Führungskraft offenbart sich damit ebenso wie die schwache, und ebenso offenbart sich derjenige, der im Wesentlichen die Anweisungen anderer ausführt.

Kinder und Jugendliche wachsen mit der Sprache ihrer Familie, Lehrer und Ausbilder auf und übernehmen damit deren Denk- und Handlungsmuster. Noch als Erwachsene werden sie den damals gelernten Wortschatz, den damals gelernten Satzbau und die damals gelernte Satzmelodie haben, bereinigt um einige Ausdrücke und angereichert um Fremdwörter und Fachsprache. Damit ist klar, dass alte Denkstrukturen erhalten bleiben, solange der- oder diejenige den gewohnten Sprachgebrauch beibehält. Glücklicherweise kann jeder jederzeit seine Alltagssprache wandeln. Jeder hat die Wortwahl. Die Voraussetzung dafür ist, dass er weiß, auf was er achten muss und was er ändern kann.

Position und Negation in der Alltagssprache

Wer eine klare Position einnimmt oder einnehmen kann, der wird sich klar und eindeutig äußern. Er wird klar benennen, was er wirklich meint. Das Gegenstück zur Position ist die Negation. Die Alltagssprache der meisten Menschen ist voll von Negation. Da gibt es als größtes Lob: „Das Konzert war nicht schlecht!“ und „Deine Freundin sieht nicht schlecht aus!“ Wie anders klingen daneben: „Das Konzert war wundervoll!“ und „Deine Freundin ist eine wahre Schönheit!“ Eine derart klare Aussage ist vielen Menschen fremd. So deutlich wollen sie „es“ ja auch nicht sagen. Nur: Was meinen sie denn wirklich mit ihrem negierten Satz?

Negierte Aussagen lassen die wirklich gemeinte Botschaft teilweise offen und benennen sie nur indirekt. Dies erzeugt eine leichte Irritation beim Gesprächspartner. Was heißt nicht schlecht? Ist es am Ende doch schlecht? Das „nicht“ erreicht das bewusste Denken nicht. Dies können Sie leicht selbst erfahren. Sagt man Ihnen, Sie dürfen an alles denken und nur nicht an einen rosaroten Elefanten. An was haben sie gedacht?

Die direkte Auswirkung auf die Kommunikation ist nur ein Teil der Wirkung von der Negation.

Die tiefer liegende Wirkung betrifft die eigene Lebenseinstellung. Wer häufig und gewohnheitsmäßig seine Botschaften negiert noch mehr in seinem Leben. Dieses Negieren ist eine tief liegende Gewohnheit und Prägung. Die Wirkung ist in hohem Maße nachteilig: Wie will ein Mensch der aus Gewohnheit negiert und Negation lebt, in seinem Leben eine klare Position einnehmen? Wie kann er in seiner Familie, in seinem Betrieb, seiner Partei und seinem Verein eine, ja seine Position finden? Und wie will er von einer Position aus führen, wenn er keine hat? Wie können seine Mitmenschen an seine Führungsqualitäten glauben?

Die Negation zeigt sich vielfältig in der Alltagssprache. Dazu gehört neben „nicht“ und weiteren anderen Vor- und Nachsilben die Vorsilbe „un-“. Jedes „un-“ zeigt, dass das Wort, das dieser Vorsilbe folgt, so eben gerade nicht gemeint ist. „Uninteressant“ bedeutet in Wirklichkeit „langweilig“, und „unschön“ je nach Zusammenhang „hässlich“ oder „gemein“. Im Duden gibt es spaltenweise Worte mit der Vorsilbe „un-“.

Es ist eine wertvolle Übung, sich von der Vorsilbe „un-“ zu lösen. Dies bewirkt eine große Klarheit im Hinblick auf die wirklich gemeinte Aussage. Dabei wächst die eigene Klarheit und Präsenz. Diese Klarheit ermöglicht es, eindeutig Position einzunehmen.

Wer sich in dem Wissen um diese Zusammenhänge bewusst von den Negationen in seiner Alltagssprache löst, leitet eine Wende in seinem Leben ein und macht den Weg frei für die Position. Und diese wiederum ist wie gesagt Voraussetzung dafür, dass er sich selbst und andere klar und sicher führen kann.

Beispiel:

Aussage: Das ist total ungerecht!

Alternativen:
1. Das finde ich gemein!
2. Ich bin enttäuscht und wütend. Was kann ich jetzt tun? Hast du eine Idee?
3. Das stört mich sehr. Lasst uns miteinander eine gute Lösung finden.
(Karte aus dem Kartensatz: „Sprachkarten, Denkmuster aktiv wandeln“)

Es gibt zahlreiche weitere Negationen in der Alltagssprache. Dazu gehören alle Sätze mit „nicht“, „kein“ und „nie“. Kaum jemandem ist es bewusst, dass er Negationen in der Sprache benutzt, und schon gar nicht, welche nachteilige Auswirkungen sie auf ihn selbst haben.

Wenn Sie einmal für die mannigfachen Negationen sensibel werden, dann werden Sie sie fast überall hören – außer bei erfolgreichen, lebensfrohen Menschen, die das tiefe Empfinden haben, dass sie ihr Lebensschiff selbst steuern, dass sie im besten Sinne des Wortes ihr Leben führen, wirklich aktiv führen. Lauschen Sie, wie diese Menschen sprechen! Es ist eine Wohltat hinzuhören.

Beispiel

Aussage: Ich will nicht zu spät ankommen.

Alternativen:
1. Ich schaue auf die Uhr und gehe los, wenn es Zeit ist.
2. Ich will rechtzeitig da sein.
(Karte aus dem Kartensatz: „Sprachkarten, Denkmuster aktiv wandeln“)

Klarheit entwickeln mit der Sprache

Gut organisierte, klare Menschen bilden dabei kurze Sätze, und ihre Sätze sind vollständig. Sie enthalten ein Subjekt, ein Prädikat und ein Objekt. Sie machen zwischen den Sätzen Pausen und ihre Stimmführung ist mit ihren Aussagen im Einklang: Sie senken am Satzende die Stimme ab. Ihre Sätze sind klar und eindeutig. Ihre Sprechgeschwindigkeit ist angenehm. Es ist leicht, ihnen zu folgen. Dies hat viel mit unserem Thema zu tun. Wenn Sie einem Menschen gedanklich nur schwer folgen können oder er Sie anstrengt oder langweilt, dann werden Sie eher Ihren eigenen Weg gehen und ihm eben nicht folgen.

Bereits mit scheinbar geringfügigen, minimalen Änderungen können wir eine spürbare Wende herbeiführen. Bandwurmsätze, abgebrochene Sätze, Sätze ohne Subjekt, Sätze ohne Prädikat, telegrammstil, eine beständig nach oben wegfliegende Satzmelodie und das Fehlen von Pausen sind an der Tagesordnung. Mit unserem Satzbau zeigen wir mehr von uns als wir es ahnen. Wer sein Leben bewusst gestalten will, der tut gut daran, seine Sätze heil und vollständig werden zu lassen.

Diese Übung klingt ganz einfach, doch ist es, für die meisten Menschen eine große Herausforderung, vollständige, kurze Sätze mit korrekter Stimmführung und Pausensetzung zu bilden. Hier anzusetzen bedeutet, tiefsitzende Lebensmuster zu wandeln und die eigene Kraft und die Verantwortung für sich selbst und sein Leben wirklich in die Hand zu nehmen. Allein dieser Schritt kann mehrere Wochen oder auch Monate in Anspruch nehmen, und entfaltet eine kraftvolle, heilsame Wirkung im Leben dieses Menschen.

Mit der folgenden Übung können Sie leicht prüfen, wie es mit Ihrer Führungsqualität bestellt ist. Sagen Sie am besten einem Partner oder, wenn gerade niemand da ist, halblaut für sich selbst einige Sätze. Beschreiben Sie beispielsweise, wie Sie das Frühstück vorbereitet haben oder wie Sie von Ihrer Wohnung aus in die Stadt fahren. Es geht nicht um persönliche Inhalte Ihrer Aussage. Es geht um Ihre persönliche Art, alltägliche Sätze zu bilden. Spüren Sie die Wirkung der einzelnen Worte auf sich selbst und hören Sie sich selbst sprechen.

Lassen Sie zwischen den Sätzen Raum für eine Pause? Was macht die Stimme am Ende des Satzes? Sind die Sätze lang oder kurz, einfach oder kompliziert? So wie die Worte, die Sie sagen, gleichsam Bausteine Ihres Lebens sind, so entspricht der Satzbau auch dem Bauplan Ihres Lebens. Wenn Sie damit beginnen, Ihre Sätze zu ordnen, dann ordnen Sie damit auch etwas in Ihrem Leben. Damit gewinnen Sie an Struktur und an Ausstrahlung.

Merken Sie, wie viel intimer und persönlicher der persönliche Satzbau und die persönliche Satzmelodie ist als die damit gemachte Aussage? Diese unterlegte Botschaft in der Sprache erreicht den Hörenden und den Lesenden im Alltag immer, auch wenn dies meist völlig unbewusst geschieht.

Dabei gibt diese unbewusste Botschaft in der Alltagssprache eines anderen Menschen Ihnen das entscheidende Signal, ob Sie ihm folgen und sich ihm anvertrauen wollen oder nicht. Das gleiche gilt auch umgekehrt für andere Menschen und Ihre Sprache. Dies erklärt, warum viele Menschen ihrem gesunden Instinkt folgend einem anderen nicht folgen. Sie misstrauen in ihrem tiefsten Inneren seiner Führung.

Unbewusste sprachliche Signale entdecken und wandeln

Das Tragische dabei ist, dass diese sprachlichen Signale bei den Sprechenden und Schreibenden oft völlig überholt sind und ihrem aktuellen Entwicklungsstand nicht entsprechen. Diese sprachlichen Signale sind oftmals nur mehr Relikte einer früheren Zeit. Die Menschen haben sich weiterentwickelt, und ihre Alltagssprache ist im wesentlichen stehen geblieben. Dennoch hat ihre alte, überholte Ausdrucksweise eine Wirkung, denn auf der sprachlichen Ebene werden Signale abgegeben, die Menschen daran hindern, nach außen so zu wirken, wie sie jetzt wirklich sind. Diese Signale betreffen den Wortschatz, die Grammatik und die Satzmelodie. So kann es sein, dass sie mit ihrer Lebensführung nur teilweise zufrieden sind oder dass andere ihnen keine Kompetenzen zutrauen.

Leistung neu sehen

Mit einer guten Führung ist das Leisten leicht. Das viel gebrauchte Wort „Leistung“ hat ursprünglich mit dem, was so vielen Menschen heute in ihrem Alltag Druck macht, nichts zu tun. Die Geschichte dieses Wortes zeigt, worauf es beim Leisten und bei der Leistung wirklich ankommt.: Es stammt aus der Sprache der Schuhmacher und begründet sich auf den Leisten, mit dessen Hilfe der Schuhmacher einen Schuh anfertigt. In diesen Schuhen geht derjenige, der seinem Herrn Gefolgschaft leistet. Er kann ihm folgen, er kann in seiner Spur gehen und die ihm gestellten Aufgaben erledigen, in Treue und Loyalität. Und derjenige, der voran geht, geht die Spur mit Feingefühl. Spur hat etwas mit Gespür zu tun. Der Führende achtet auf den Weg, auf sich selbst und auf den, den er führt.

Natürlich hat diese innere Bereitschaft, seinem Herrn Gefolgschaft zu leisten, sowohl eine rein weltliche als auch eine spirituelle Komponente. Nur wer sich führen lassen kann, kann auch andere führen.

Mechthild von Scheurl-Defersdorf