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Wirtschaft in Mainfranken
12-2005

Moralische Kompetenz ist kein Luxus

Es gibt Führungsansätze, die heutzutage verkündet werden. Ich möchte eine alte Tradition aufgreifen und die vier Kardinaltugenden „Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß, und Klugheit“ und die drei göttlichen Tugenden „Glaube, Hoffnung und Liebe“ als Grundlagen des Führers nehmen. Es scheint ein alter Weg zu sein, den ich da beschreite. Doch es ist zugleich ein höchst aktueller.

Moralische Kompetenz ist nicht ein Luxus, den sich ein paar humanistisch gebildete Manager leisten können, sondern sie zahlt sich für jeden Betrieb und jeden unternehmerischen Menschen aus.

Wer als Führungskraft die Tugenden als Wertmaßstab für sein Handeln gewählt hat, der gibt seinen Mitarbeitern moralische Orientierung und macht sein Unternehmen nach außen hin attraktiv. Im Zeitalter der Globalisierung konkurrieren die Firmen nicht nur mit billigeren Produkten, sondern auch mit ethischer Kompetenz.

Christian Seidel, Vorstandsmietglied der Dresdner Bank, sagt: „Die gesellschaftliche Akzeptanz eines Unternehmens und seiner Produkte ist heute zu einem ökonomischen Wert geworden.“ Die Gesellschaft wird aber auf Dauer nur solchen Unternehmen Wertschätzung entgegenbringen, bei denen sie eine klare ethische Wertorientierung erkennt. Neueste Untersuchungen von Gregor Schönborn (Unternehmensberatung Deep White) in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen zeigen darüber hinaus, dass gelebte Tugenden in Firmen über ein Viertel des betriebswirtschftlichen Erfolges ausmachen, also nicht „weiche“ Faktoren, sondern „harte“ Wettbewerbsvorteile sind.

Grundhaltungen des Menschen

Die Vier Kardinaltugenden gelten seit der griechischen Philosophie als Grundhaltung des Menschen, die für das Gelingen seines Lebens wichtig sind. Kardinalstugend kommt vom lateinischen „cardo“, das Türangel heißt. Die vier Tugenden sind wie eine Türangel, um die sich alles dreht. Ohne sie findet man keinen Zugang zum Raum der Seele. Im Lateinischen heißt die Tugend „virtus“. Virtus bedeutet Kraft, Fähigkeit, Geschicklichkeit, Die Seele braucht die Kräfte der Tugenden, damit sie das Leben meistert.

Virtus kommt von „vir“, dem Mann. Ursprünglich ist „virtus“ die Manneskraft.

Das deutsche Wort Tugend kommt von „taugen“. Ohne Tugend taugt das Leben nicht.

Die Tugenden tragen dazu bei, dass das Leben gelingt. Das Deutsche Wort Tugend ist weiblich. Die Künstler haben die Tugenden immer als vier Frauen dargestellt. Die Frau steht in der Symbolik für die Seele. Offensichtlich braucht der Mann die Seelenkräfte der Frau, damit sein Leben gelingt. Die Kardinaltugenden sind für die griechische Philosophie der Weg, den Reichtum der Seele zu entfalten, den Menschen zu seinem wahren Selbst zu führen und ein gedeihliches Miteinander zu ermöglichen.

Den vier Kardinalstugenden ordne ich jeweils eine Tugend zu, die ihnen verwandt ist und sie weiter entfaltet: der Gerechtigkeit die Wahrhaftigkeit, der Tapferkeit die Treue, der Klugheit die Weisheit und dem rechten Maß die Versöhnung. Man könnte von Komplementärtugenden sprechen. Diese acht Tugenden sollen darauf befragt werden, wie sie Führungsverhalten und unternehmerisches Handeln prägen und wie ich mich in sie so einüben kann, dass mein Leben „taugt“, dass es gelingt und zum Segen wird für mich und für andere.

Vertiefung des rein menschlichen Weges

Die drei göttlichen Tugenden „Glaube, Hoffnung und Liebe“ sind für die Theologie und Philosophie des Mittelalters die konkrete Entfaltung der Spiritualität für den Alltag.

Genauso wie die Kardinaltugenden das Verhalten des Menschen prägen, so sollen es auch die drei göttlichen Tugenden. Ohne sie taugt das Leben nicht. Die Spiritualität ist dabei nichts Aufgesetztes, sondern eine Vertiefung des rein menschlichen Weges. Sie beschreibt die eigentliche Entfaltung des Menschseins und deckt uns die Möglichkeiten auf, die in unserer menschlichen Natur von Gott her liegen.

Vielleicht wundert sich mancher, dass die drei göttlichen Tugenden unsere Führungsaufgabe prägen sollen. Aber es geht in diesen drei tugenden nicht um die Frage, ob ich Christ bin oder nicht, sondern ob ich eine spirituelle Dimension in meinem Leben annehme. Glaube, Hoffnung und Liebe sind durchaus menschliche Haltungen, die es uns ermöglichen, besser miteinander umzugehen. Ich muss dabei nicht an die ganze Dogmatik des Christentums glauben. Es geht vielmehr darum, Haltungen auszuprägen, die um das Geheimnis des Menschseins wissen und dem Menschen gerecht werden. Wir werden dem Menschen nur gerecht, wenn wir auch seine spirituelle Dimension berücksichtigen.

Das hat die transpersonale Psychologie immer wieder aufgezeigt. Spiritualität heißt dabei nicht, dass ich möglichst fromm bin, sondern dass an der Art und Weise meines Führens deutlich wird, wie ich den Menschen sehe und wie ich mit ihm umgehe, ob da etwas Geistliches und letztlich zutiefst menschlichens aufscheint.

Info

Pater Dr. Anselm Grün ist seit über 25 Jahren wirtschaftlicher Leiter (Cellerar) der Abtei Münsterschwarzach und verantwortlich für rund 300 Mitarbeiter. Anselm Grün ist der meistgelesene christliche Autor im deutschsprachigen Raum und wird besonders auch bei Führungskräften als geistlicher Berater geschätzt.

Kursangebot im „Haus Benedikt“

Unter Leitung von Pater Anselm Grün finden im „Haus Benedikt“ in Würzburg unter dem Titel „Führen und geführt werden“ zahlreiche Kurse für Menschen in beruflicher Verantwortung statt. Weitere Information gibt es im Internet unter www.haus-benedikt.de