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PERSONENFÜHRUNG 12/2008
SPECIAL: Die neue Suche nach Sinn

Zur Sinnsuche ins Kloster

Die Säkularisierung der Gesellschaft und der Autoritätsverlust der christlichen Kirchen haben ein Loch aufgerissen: Wo einst Glaube und Religion die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworteten, macht sich Orientierungslosigkeit breit. Strömungen von New Age bis Scientology sowie Fragmente aus fremden Religionen, etwa dem Buddhismus, dringen bis in die Arbeitswelt vor. Spiritualität wird zum Managementtrend und führt manchen Skeptiker zum christlichen Glauben zurück. Ein Indiz sind die gut besuchten Führungskräfteseminare in Klöstern. Der Siemens-Manager Jürgen S. hat an mehreren solcher Kurse in Haus Benedikt, dem Würzburger Stadtkloster der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach, teilgenommen. Zuletzt suchte er „Zeit für das Wesentliche“. Jürgen S. hat für die PERSONALFÜHRUNG Tagebuch geführt, Christoph Stehr hat Auszüge daraus für uns redaktionell in Form gebracht.

Freitag, 18. April 2008
Prolog

Mein Schreibtisch ist leer. Nicht wirklich leer, natürlich nicht, Familienfoto, Bürotasse, eine Zeichnung meines Sohnes rahmen das übliche Ensemble aus Bildschirm, Tastatur und Notizstapel. Leer bedeutet vielmehr, dass – hoffentlich! – alle Aufgaben abgearbeitet sind. Ich habe zwei Kollegen auf den Stand meiner laufenden Projekte gebracht; die Kunden wissen, wer mich bis Mitte kommender Woche vertritt; was nicht so lange warten kann, ist delegiert. Wäre mein Schreibtisch ein Esstisch, dann hätte ich gerade die Krümel vom Abendbrot gefegt und das Geschirr fürs Frühstück eingedeckt. Was habe ich vergessen? Der letzte Mausklick des Tages gilt dem Abwesenheitsassistenten in Outlook.

Montag, 21. April 2008
Zur Ruhe kommen

5 Uhr 41. Im Regionalexpress ab Radolfzell stehe ich auf dem Gang inmitten früher Pendler, deren Gesichter im Neonlicht grau erscheinen – so wie sicher auch meines, was ich damit entschuldige, dass mein Tag sonst später beginnt. Einen Sitzplatz zu suchen, lohnt nicht, weil ich nach ein paar Minuten in Singen umsteige. Dann liegen noch viereinhalb Stunden Zugfahrt bis Würzburg vor mir, zuzüglich eine Stunde Aufenthalt in Stuttgart. Ist das verlorene Zeit oder gewonnene? Vielleicht sogar „Zeit für das Wesentliche“?
Während der regennasse Aprilmorgen am Fenster vorbeizieht, hänge ich meinen Gedanken nach. In der Lebensmitte angelangt, habe ich oft das Gefühl, für nichts mehr Zeit zu haben. Ich hetze morgens zur Arbeit, dort von Termin zu Termin. Ich kritzele mir Telefonnummern von Kunden auf den Handrücken, um sie unterwegs mit dem Handy anzurufen, ohne lange durch die Speichereinträge pflügen zu müssen. Abends hetze ich nach Hause, bringe meinen Sohn zum Taekwondo, spule mit meiner Frau die Ereignisse des Tages im Schnelldurchlauf ab, um später im Kinderzimmer über der Gute- Nacht-Geschichte einzunicken. Macht der moderne Büromensch aus der Zeitnot eine Tugend? Ich bin gespannt auf das Seminar in Haus Benedikt.
11 Uhr 22. Als ich aus dem Hauptbahnhof in Würzburg trete, überholt mich eine junge Frau und rennt zur Straßenbahn. Noch leuchtet der Türöffner grün, fast berührt sie ihn mit den Fingerspitzen, da wechselt das Licht auf Rot, und die Bahn fährt an. Die junge Frau stößt zornig die Faust nach oben. Was hat der Fahrer davon, diese eine Sekunde nicht gewartet zu haben? Wie beim vergangenen Mal im Januar, als ich Haus Benedikt besucht habe, gönne ich mir eine Tasse Tee im Café Kiess, bevor ich den Hügel hinauf, an Theater und Residenz vorbei, zum Kloster aufbreche .
Kurz nach 12 Uhr. Ich nehme meinen Zimmerschlüssel entgegen und plaudere kurz mit Bruder Isaak Grünberger. Er weiß auch nicht, ob ich bekannte Gesichter aus früheren Seminaren wiedersehen werde. Im Gästetrakt umfängt mich dieser Geruch, den ich nicht beschreiben kann, der mir aber vertraut ist. Ich trage meine Tasche zwei Treppen hinauf, einen Aufzug gibt es nicht. Mein Zimmer ist mehr Herberge als Hotel: ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, ein Nachttisch. Kein Fernseher, kein Telefon, kein Wecker, kein Fön. Das große Fenster geht auf den herrlichen, parkähnlichen Klostergarten hinaus, der die Seminarpausen mit viel Bewegung und würzigem Kräuterduft füllen hilft – mitten in einer 130 000-Einwohner- Stadt. Ich lege meinen Schlafanzug aufs Bett, und dieser Handgriff erinnert mich daran, dass ich nicht im Urlaub bin, denn Ein- und Auspacken übernimmt sonst meine Frau. Sie hat mir „Zeit für das Wesentliche“ zu Weihnachten geschenkt. Ich schicke ihr eine SMS, um mich noch einmal zu bedanken. Dann klappe ich das Handy zu und frage mich, ob ich der Versuchung widerstehen werde, es vor Mittwoch wieder einzuschalten.
13 Uhr. Etwa 40 Männer und Frauen haben sich im Speisesaal versammelt. Sie stehen in Grüppchen zusammen, kaum jemand nimmt auf dem schweren, alten Mobiliar Platz. Ich kenne niemanden und taste mich hier und da in die Gespräche hinein, der übliche Smalltalk. Man wirft verbale Anker aus – „meine drei Kinder…“ „Sie haben drei Kinder? Ich auch.“ – und wartet, ob sie sich irgendwo festhaken. Nach einem Imbiss und der offiziellen Begrüßung führt uns Marlise Laudage durchs Haus, zeigt uns die Seminarräume, den Leseraum und die Klausur der Mönche.
14 Uhr 20. Pater Anselm Grün, Theologe und Betriebswirt, wirtschaftlicher Leiter der Abtei Münsterschwarzach und Autor mehrerer Managementbücher, eröffnet den Kurs. Er nennt Zeit einen „Engel des Menschen“, der hilft, den Morgen zu spüren und die Qualität der Stunde zu entdecken. Aber nicht jede Stunde ist wie die andere. So entsteht ein Rhythmus von Zeiten, die für unterschiedliche Aufgaben bestimmt sind. Pater Anselm beispielsweise nutzt Dienstage und Donnerstage, um Bücher zu schreiben. Aus dem Wechsel von Anspannung und Entspannung schöpft er Kraft. Das funktioniert aber nur, weil er auf Zeichen wie Müdigkeit und Lust achtet und danach seinen Tag strukturiert. Er warnt davor, sich in ein Zeitkorsett pressen zu lassen. Das Leben hat seinen eigenen Rhythmus, dessen kleinste Einheit gleichsam der Atem ist. Einatmen, ausatmen – sich darauf zu konzentrieren, beruhigt schon.
15 Uhr 15. Die erste Gruppenübung: Wie gehe ich mit meiner Zeit um? Das Gespräch in meiner Gruppe kreist zäh um die Arbeit, als sei Zeit etwas, das allein im Büro an- und ausgeknipst wird. Wir reden über Zeitdiebe und Fremdbestimmung. Jemand meint, dass Arbeit, die vor uns liegt, Angst macht. Nach einer Pause werfen die Gruppen ihre Ergebnisse zusammen. Wir einigen uns darauf, dass erfüllte Zeit bedeutet, eine Sache mit Hingabe und mit allen Sinnen zu tun. Dem steht der verbreitete Glauben gegenüber, an der Zeit bemesse sich der Wert des Werkes. Nach dem Motto: Wer bis spät abends im Büro ausharrt, ist der motiviertere, der bessere Werk-Tätige. Das verleitet uns, länger und mehr zu arbeiten. Solche Denkmuster müssen wir aufbrechen. Bloß wie? Kommunizieren hilft, vollständig kommunizieren. Wenn ich mir bewusst mache, was ich mir wert bin und welches meine Bedürfnisse sind, kann ich diese auch nach außen vertreten. Dann verabschiede ich mich auch mal um fünf erhobenen Hauptes in den Feierabend und ertrage es, wenn ein Kollege süffisant bemerkt: „Nimmst du heute einen halben Tag frei?“. Ich darf Zeitfenster für mich reservieren, und die kann mir niemand nehmen.
17 Uhr 20. Mit Pater Anselm zu sprechen, ist Vergnügen und Bereicherung zugleich. Wir folgen keinem Programm oder Plan, sondern lassen den Gedanken freien Lauf. Ich bin entschlossen, aus diesem Gespräch zwei Punkte mit nach Hause zu nehmen: Ich will verstärkt meine Familie nach ihren Wünschen fragen, um ihr und mir besser gerecht zu werden. Und ich will mir die Freude, die mir meine Familie beschert, bewusster machen.
18 Uhr. Das Abendessen findet „im Schweigen“ statt. Auch das ist Kommunikation: Ein Blick genügt, und der Tischnachbar reicht das Salzfass herüber. Es tut gut, die Eindrücke der vorangegangenen Kurseinheit langsam zu verdauen, statt sie zu zerreden. Den Mahlzeiten in Haus Benedikt wohnt ein eigenes Ritual inne: Wenn alle im Speisesaal hinter ihren Plätzen stehen, schlägt der Kursleiter ein Klangholz an. Ab diesem Moment wird geschwiegen. Das zweite Zeichen mit dem Klangholz lädt zum Setzen ein. Nach dem Essen, das in Büfettform angerichtet wird und fleischlos ist, kehrt sich der Ablauf um. Wir räumen die Tische ab, auch das ist eine neue Erfahrung für manche Kursteilnehmer, die Seminare nur in Verbindung mit Hotelservice kennen.
19 Uhr 25. Wer möchte, geht zum Abendgebet in die Kapelle. Ich nutze das Angebot, auch weil es eine der wenigen Gelegenheiten ist, den in Klausur lebenden Mönchen nahe zu sein. Anschließend ruhe ich mich in meinem Zimmer aus. Ich würde am liebsten schlafen, bin aber zu neugierig, was die letzte Kurseinheit des Tages bringen mag.
20 Uhr. Die griechischen Wörter Chronos und Kairos werden oft synonym für Zeit gebraucht, was nicht ganz richtig ist. Tatsächlich bezeichnet Chronos die Zeitdauer, also die Quantität von Zeit, während Kairos die Qualität meint und eher mit Weile und Muße zu übersetzen ist, ebenso den besonderen Moment meint, den glücklichen Augenblick. Bei allem, was wir tun, sollen wir versuchen, diese Nuance zu spüren. Gegen Ende meines ersten Tages in Haus Benedikt bin ich gleichsam im Hafen der Ruhe angelangt. Ich stelle fest, es geht auch ohne Telefon und E-Mail, ich kann die Ruhe genießen. Werde ich diese Ruhe am Mittwoch nach Hause tragen?

Dienstag, 22. April 2008
Ziele und Wege
5 Uhr 35.
Der Wecker erinnert mich daran, dass ich den Tag mit dem Morgengebet beginnen wollte. Eine lauwarme Dusche hilft mir, diesem Vorsatz treu zu bleiben. Ich bin überrascht, dass sich der halbe Kurs in der Kapelle einfindet. Es ist sehr still, nur ein Schlüssel klirrt. Ich bin müde und kann kaum dem Betgesang folgen. Beinahe lasse ich mein Gotteslob fallen, aber die Frau in der Bank neben mir fängt es auf.
6 Uhr 25. Im Zendo, einem Raum, der für Zen-Meditation genutzt wird, nehme ich an einer Qigong-Übung teil. Es geht um bewusstes Atmen, Entspannung und Bewegungsmuster. Anschließend läuten die Glocken zur Eucharistiefeier. Ich entscheide mich aber für die alternativ angebotene Meditation. Obwohl ich zweimal wöchentlich autogenes Training mache, fällt es mir schwer, ruhig zu sitzen. Meine rechte Schulter verkrampft, löst sich aber wieder, nachdem ich mich darauf konzentriert habe, tief ein- und auszuatmen.
7 Uhr 45. Es ist anstrengend, im Schweigen zu frühstücken. Gerade zu Beginn des Tages habe ich das Bedürfnis, ein paar Worte mit den anderen Seminarteilnehmern zu wechseln und so die entstandenen Kontakte zu bestätigen. Das durch Erziehung und Umgangsformen eingeschliffene kleine „Danke“ oder „Darf ich bitte…“ möchte heraus, aber ich unterdrücke es. Ich bin erleichtert, als das Klangholz das Schweigen beendet. Jemand lacht laut auf, ihm scheint es ähnlich zu gehen. Ich ziehe kurz Bilanz, was mir Morgengebet, Qigong und Meditation gebracht haben, und fühle mich ruhig und gelassen. Keine Kunst, schließlich brauche ich mich nur um mich selbst zu kümmern. Arbeit, Familie, Zuhause – das ist alles weit weg.
9 Uhr 05. Wir steigen in den Kurs ein, indem wir die Meditation Revue passieren lassen. Was hat sie bewirkt? Wir kommen zu dem Schluss, dass die Übungen uns Bewusstsein sammeln lassen. Meditation reinigt das Bewusstsein. Etwas Ähnliches beobachten wir am Himmel, wenn Wolken vorbeiziehen und abregnen. Hinterher ist das Blau des Himmels tiefer, reiner. Kursleiter Dr. Friedrich Assländer, der nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre und Psychologie Führungskraft in einem Finanzkonzern war und sich seit 25 Jahren mit Meditation und Zen-Buddhismus beschäftigt, leitet zu dem Thema „Ziele und Zeit“ über. Menschen brauchen Ziele, um ihre Richtung zu finden. Ich denke unwillkürlich an Zielvereinbarungen, die Vorgesetzte und Mitarbeiter treffen, und merke an dieser Assoziation, dass ich den Job nicht wirklich abgeschaltet habe. Was nicht falsch ist, weil das Seminar ja eine Brücke zwischen Freizeit und Arbeitszeit schlagen will. Wir sammeln private und berufliche Ziele: in der Familie ausgeglichen sein, mehr Geld verdienen, den Arbeitsplatz wechseln, im Jetzt leben, gesund bleiben, Zeit genießen. Ziele müssen realistisch, konkret, messbar und positiv formuliert sein, damit wir eine Chance haben, sie zu erreichen. Es gibt Verhaltens- und Ergebnisziele – die einen beschreiben unsere innere Einstellung zum Leben, die anderen prägen unser Selbstwertgefühl und sind Teil unserer sozialen Identität. Wer ein bisschen über Selbstmanagement gelesen hat, weiß das, insofern bewegen wir uns noch dicht an der Oberfläche. Spannend wird es, als Assländer das Lebensalter ins Spiel bringt. Wer die 40 überschritten hat, strebt nach anderem als ein Berufsanfänger. In fortgeschrittenem Alter wollen wir nicht mehr vor allem zupacken, sondern loslassen. Spiritualität wird wichtiger.
10 Uhr 05. Pater Anselm führt uns an „Rituale und Rhythmus“ heran. Rituale befreien von Ängsten, schaffen Identität, spenden Energie und heilen. Wenn es uns gelingt, die Dinge, die wir jeden Tag tun, achtsam und wertschätzend zu tun, gewinnen wir heilige Zeit. Das fängt beim morgendlichen Aufstehen an: Erhebe ich mich, nur weil der Wecker klingelt oder weil ich mit Freude den neuen Tag erwarte? Ein kurzer Moment der Besinnung wirkt wie ein Kraftschub zu dieser frühen Stunde. Solche Rituale benötigen wir auch am Ende eines Arbeitstages. Wir schließen achtsam die Bürotür und knüpfen daran die Vorstellung, dass wir gleichzeitig eine andere Tür öffnen, durch die wir unser Zuhause betreten. Ein schönes Ritual ist auch die Tagesbilanz: Wir halten wie auf einem Tablett das Werk unseres Arbeitstages vor uns. Wir zeigen, aber wir bewerten nicht. Ich überlege, ob ich ähnlich neutral in der nächsten Abteilungsversammlung über meine Zeit in Haus Benedikt berichten soll. Rituale haben oft etwas Spielerisches, etwa wenn Kinder beim Wandern mit jedem dritten Schritt ein Steinchen kicken. Das gibt Sicherheit, bloß darf das Ritual nicht zwanghaft werden. Die Gruppenübung zum Ende der Kurseinheit dient dazu, persönliche Ziele zu formulieren.
12 Uhr. Die Meditation vor dem Mittagessen ist Muskel- und Kopfübung in einem. Ich lerne, konzentriert zu gehen. Linkes Bein, rechtes Bein, nächster Schritt. Meine Gedanken rennen davon, und ich muss mich zusammenreißen, wieder im Links-Rechts- Rhythmus Tritt zu fassen. Während des Essens versuche ich, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Ich kaue und schlucke langsam, als würde ich diese Bewegungen zum ersten Mal ausführen. Ich schmecke jede Zutat. Wie oft geht es mir sonst in der Kantine, dass ich schon zehn Minuten nach dem Essen nicht mehr weiß, was ich hinuntergeschlungen habe!
13 Uhr 20. In der Mittagspause unterhalte ich mich mit einem Teilnehmer, der in der Gruppenübung gesagt hat: „Meditation ist nichts für mich. Ich mache das zwar gern, aber in den Alltag kann ich nichts davon herüberretten.“ Mir geht es anders, obwohl ich manches genauso empfinde wie er. Beispielsweise rotieren meine Gedanken wie auf einem Karussell, was das Meditieren empfindlich stört. Mit Qigong können wir beide nicht allzu viel anfangen. Mir fehlt ein wenig der sportliche Aspekt; fast traue ich mich nicht, zuzugeben, dass ich regelmäßig ins Fitnessstudio gehe. „Aber dort wiederholst du doch auch nur monotone Bewegungen – das ist ja schon beinahe Qigong“, sagt mein Gesprächspartner, und ich stimme ihm überrascht zu. Ist das Fitnessstudio der Einstieg in die Spiritualität? Bevor der Kurs fortgesetzt wird, bitte ich Pater Anselm, eines seiner Bücher für meinen ältesten Sohn zu signieren. Er schreibt: „Lieber Valentin, für Deinen Weg wünsche ich Dir Gottes Segen und die Engel des Vertrauens als gute Begleiter.“
14 Uhr 30. Für Krebspatienten, so heißt es, fängt das Leben oft nach der Diagnose an. Das klingt paradox, aber erst mit dem Bild des Todes vor Augen sehen sie, was sie am Leben haben. Diese Einführung bringt uns zum Kern der nächsten Kurseinheit, die den Blick für Wesentliches und Unwesentliches schärfen soll. In der Gruppenübung versuchen wir zwei Fragen zu beantworten: Was ist für dich wesentlich? Wie kannst du das Wesentliche mehr leben?
16 Uhr 35. Wir ergründen, wie Stress und Hetze in unser Leben gelangen. Das Wort Hatz geht auf hassen zurück. Wer etwas schnell macht, macht es lieblos. Er will mehr in weniger Zeit erledigen, was den subjektiven Eindruck von Zeitverknappung hervorruft. Um gegenzusteuern, muss er entschleunigen. Aber an welchen Stellen ist das möglich? Praktisch überall: Sobald wir eine Sache achtsam tun, entziehen wir uns der Beschleunigung. Wenn wir unterwegs zu einem Meeting sind, hilft schon eine kurze Geh-Meditation, um zur Ruhe zu kommen. Dynamik ist nicht schlimm, wenn ihr eine Pause folgt. Dieser ständige Wechsel von Aktion und Kontemplation drückt sich im „Ora et labora“ der Benediktiner aus. So entstehen gesunde Rhythmen, deren Takt der Körper bestimmt. Er gibt uns rechtzeitig ein Signal – Müdigkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen –, wenn wir eine Pause benötigen.
18 Uhr. Während des Abendessens darf gesprochen werden! Trotzdem ist der Stimmenpegel gedämpft. Kein Quasseln, kein Reinreden, kein Kichern. Ich glaube, dass an allen Tischen intensive Gespräche gelingen. Ich empfinde innere Ruhe, nicht wie im Urlaub, sondern wie zu Hause. Nach dem Essen habe ich 30 Minuten Zeit nur für mich und eine Tasse Tee. Ich denke an meine Familie, an gemeinsame Erlebnisse. Fast kommt es mir vor, als herrsche in Haus Benedikt ein Adrenalinverbot!
22 Uhr 10. In der Cafeteria haben sich einige Teilnehmer zu einem letzten Plausch verabredet. Am Dialekt erkenne ich einen Landsmann, der in der Nachbarstadt geboren ist. Als ich wieder in meinem Zimmer bin, verfasse ich eine To-do-Liste: Ich will in Zukunft Tagebuch führen, ich will als Abendritual Gott meine Tagesarbeit hinhalten, ich will Pausen wahren, ich will mir jeden Tag drei wichtige Dinge vornehmen.

Mittwoch, 23. April 2008
Die geschenkte Zeit
5 Uhr 35
. Obwohl ich schlecht geschlafen habe, fühlt sich der neue Tag gut an. Zum Morgengebet ist die Kapelle genauso gut wie gestern besucht. Das Qigong tut mir heute gut, ich gleite sanft in den Tag.
7 Uhr. Das Klangholz eröffnet die Meditation. Die ersten 15 Schritte der Geh-Übung sind entspannend, dann werde ich ungeduldig. Durch bewusstes Ein- und Ausatmen finde ich den Rhythmus zurück. Beim Frühstück im Schweigen schweifen meine Gedanken ebenfalls ab. Was passiert zu Hause, in der Firma?
8 Uhr 45. Obwohl ich noch einen kompletten Seminartag vor mir habe, packe ich schon mal meinen Rucksack. Nach dem Mittagessen müssen die Zimmer freigegeben werden.
9 Uhr. Kursleiter Assländer untermauert unsere praktische Meditationserfahrung mit ein wenig Theorie. „Gib nicht auf“, mahnt er. Wir rekapitulieren die zwei ersten Seminartage und vertiefen das Thema Zeitmanagement. Neben praktischen Hinweisen erhalten wir für den Fall, dass wir den Zeitdieben nicht das Handwerk legen, einige Strategien zum Umgang mit Rückschlägen. Der „Segen des Misserfolgs“ sei es, dass er eine Zäsur für neue Möglichkeiten und eine Lernchance bedeute. Allerdings trete diese heilsame Wirkung nur ein, wenn das Scheitern realistisch bewertet werde.
11 Uhr. Pater Anselm führt uns zum eigentlichen Seminarthema zurück. Wir sollen uns „Zeit für das Wesentliche“ nehmen, weil jeder Mensch nur eine begrenzte Zeit auf Erden hat. Achtsam und im Augenblick zu leben, ist die beste Art, seine Zeit zu nutzen.
12 Uhr 40. Der Küchendienst versetzt mich für einige Sekunden in die Kindheit zurück, als Urlaub noch mit Jugendherberge statt Hotel verbunden war. Die Erinnerung steigert meine Freude auf zu Hause. Als ich mein Zimmer räume und das Bett abziehe, befällt mich ein Gefühl des Bedauerns, dass meine Tage in Haus Benedikt zu Ende gehen. Die abschließende Kurseinheit sieht eine Partnerübung vor. Wir schließen die Augen und sagen dem jeweiligen Partner, was uns wichtig ist, was uns gut tut und was wir mit nach Hause nehmen wollen.
15 Uhr 25. Die Eucharistiefeier mit Pater Anselm bewegt mich sehr. Das Seminar klingt mit Gesprächen und einigen persönlichen Abschiedsworten aus.
18 Uhr 37. Der Regionalexpress ab Würzburg ist überfüllt, aber ich schere mich nicht darum. Ich empfinde die Zugfahrt nicht als Transfer von A nach B, sondern als geschenkte Zeit, Zeit zum Erinnern, Nachdenken, Planen. Vor wenigen Tagen war ich noch überzeugt, zwei Seminare in Haus Benedikt seien genug, doch jetzt denke ich anders.

Im Juni 2008
Epilog
Meine Arbeit hat sich verändert. Anders ausgedrückt: Ich habe mich verändert. Ich versuche, genau eine Sache zur Zeit zu machen, und wenn mich jemand stört, hindert mich das nicht, ihm dennoch meine volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dieses konzentrierte, entschleunigte Handeln verschafft mir mehr innere Befriedigung, als ich früher verspürt habe. Manches bleibt länger liegen – das habe ich noch nicht im Griff. Vielleicht hilft mir dabei der nächste Kurs in Haus Benedikt, den ich für 2009 geplant habe.

J. S.