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Main-Post 15. März 2009 Der Weg ins LebenGehetzt, genervt, gestresst? Über Achtsamkeit und den besseren Umgang mit sich selbst Wie kann ich mein Leben reicher und schöner gestalten? Viele Menschen finden nicht mehr zu sich selbst: Sie sind im Beruf gestresst, weil sie so viel zu tun haben und im Privatleben gehetzt, weil sie so viel erleben wollen. Und irgendwann merken sie, dass sie sich selbst verloren haben. Der Würzburger Unternehmensberater Dr. Friedrich Assländer sieht darin ein Zeichen der Zeit; „Wir denken in Wunschvorstellungen, was wir erreichen möchten, was wir haben möchten, was wir erleben möchten. Darüber versäumen wir das eigentliche Leben, das ist Jetzt.“ Er zitiert einen Ausspruch von John Lennon: „Leben ist das, was stattfindet, während wir gerade dabei sind, andere Pläne zu machen.“ Alles scheint möglich zu sein: Am Heiligabend gibt es frische Erdbeeren. Im Internet kann man auch nachts einkaufen, wir sind auf dem Weg in die Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft. Dem Machen und Erleben sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Nur scheint das die Menschen nicht glücklich zu machen. Dazu kommt die Belastung im Beruf: „Stress, Hektik und das ‚Immerschneller‘ in unserer Kultur steigern sich für viele Menschen in eine gefährliche Dimension“, hat Unternehmensberater Assländer beobachtet. Wir selbst tragen durch gefährliche Gewohnheiten zur Arbeitsbelastung bei. „Eine typische Frühstückspause sieht so aus: Kaffee trinken, ein Hörnchen essen, und dabei die E-Mails lesen. In der Mittagspause bespricht man dienstliche Themen.“ Und schleichend stellt sich das Gefühl ein: „Das schaffe ich nicht mehr.“ Früher gab es Ordnungen, die auch Schutz boten und der Natur des Menschen entsprachen. Die Handwerker machten nach zwei Stunden die Frühstückspause. Am Sonntag hatte man frei und konnte guten Gewissens nichts tun. „Heute könnte man ja wenigstens die privaten E-Mails lesen oder etwas aufarbeiten, was unter der Woche liegengeblieben ist.“ Je mehr diese alten Ordnungen verloren gehen, desto mehr gerät der Einzelne unter Stress: Wir müssen selbst entscheiden, Pause zu machen. Die Selbstverständlichkeit der Ruhe fehlt. Dass das immer mehr Menschen belastet, zeigt schon ein Blick auf den büchermarkt: Das Thema „Balance zwischen Beruf und Leben“ hat Konjunktur. Friedrich Assländer setzt bei ganz einfachen Dingen an, die jeder tun kann. Zum Beispiel eine gute Tagesstruktur einhalten. „Da können wir viel von den Mönchen lernen“, betont er. Der Mittag teilt den Tag. Die Mönche halten inne, gehen zur Kirche, um zu beten, dann erst gibt es das Essen und dann eine Pause. Ordnung und Struktur tun der Seele gut. Regelmäßigkeit, gute Gewohnheiten sind wichtig, Zeit für Pausen und Ruhe. Und wenn ich das nicht kann? Weil die Terminhetze zu groß ist? Das ist für Assländer keine Entschuldigung. „Auch ein Architekt kann auf dem Weg von einer Baustelle zur anderen eine Viertelstunde auf den Marktplatz fahren, den Sitz zurückdrehen und meditieren.“ Es gebe viele Untersuchungen, die belegten, wer regelmäßig Pausen mache, leiste über den ganzen Tag gesehen deutlich mehr als die „Non-Stopp-Arbeiter“. Wichtig ist es auch, Schlussstriche zu ziehen. „Ich brauche Rituale, die mir verdeutlichen, jetzt schließe ich eine Türe und eine andere geht auf.“ Es ist gut, den Feierabend bewusst zu begehen: Bewusst den Rechner auszuschalten, den Schreibtisch aufzuräumen, nochmal zu lüften. Den nächsten Tag oder die Woche planen und dann nicht mehr daran denken. „Ich fühle mich am nächsten Morgen sehr viel wohler, wenn ich an einen aufgeräumten Schreibtisch komme, meinen Tagesplan vorfinde. Dann kann ich den Tag neu beginnen, Stück für Stück abarbeiten, ohne mich über das Morgen zu sorgen.“ Gute Rituale: Auf dem Heimweg eine Straßenkreuzung als Signal festlegen, dass der Feierabend beginnt. „Man kann sich selber konditionieren.“ Oder man steigt eine Busstation eher aus. „Diese Viertelstunde Spaziergang bei jedem Wetter ist die Zeit, in der ich loslasse.“ Zuhause kann man sich bewusst umziehen. Andere Kleidung heißt: Ich bin woanders und in einer anderen Rolle. Man kann den Tag abwaschen, indem man die Hände wäscht oder duscht. Ein Reinigungsritual: „Sorgen und Arbeit sollen nicht mehr an mir kleben, wenn ich in den Feierabend gehe,“ Andere meditieren zuhause erstmal eine Viertelstunde, bevor sie sich der Familie widmen. Aber dann sind sie ganz da. Wer nicht abschalten kann, ist zwar körperlich zuhause, aber in Gedanken noch im Büro. Davon hat der Partner nichts und die Kinder schon dreimal nicht. Es sei besonders wichtig, den Tag mit einer schönen Struktur zu beginnen. Lieber etwas eher aufstehen und im sitzen Kaffee trinken, nicht rasch im Stehen. Das erfordert Disziplin, tut aber gut. „Ich kenne Leute, die rennen immer zum Bus. Das ist deren Lebensstil, aber es geht ihnen nicht gut damit.“ Besser ist es, eher aus dem Haus zu gehen, um den Weg zum Bus zum Spaziergang zu machen. „Dafür muss man nur wenige Minuten investieren, aber der Gewinn ist groß.“ In der christlichen Tradition gibt es das Morgengebet, im Buddhismus die Morgenmeditation. Auch den Organismus sollte man in Gang bringen, mit Yoga, Tai Chi oder Chi Gong. „Der Tag verläuft völlig anders, wenn wir uns zuerst Zeit für uns selbst nehmen, mit uns selbst in Kontakt kommen.“ In allen Klöstern beginnt der Tag sehr früh mit Stille und Gebet, bevor die Tagesarbeit angepackt wird und ebenso endet der Tag mit Stille und Gebet. Aber so einfach ist das nicht. Das weiß auch Friedrich Assländer. „Es erfordert Disziplin und Ausdauer, um umzulernen. Wir denken: Je schneller wir sind, desto mehr leisten wir.“ Dabei kann eine gute Idee viel Arbeit sparen oder viel Geld bringen. „Als ich noch im Vertrieb einer großen Firma war, habe ich zu meinen Verkäufern immer gesagt: Es ist besser, zwei Stunden über sein Geld nachzudenken, als einen Monat dafür zu arbeiten.“ Ruhe kann ertragreicher sein als Hektik. „In unserer immer schneller werdenden Zeit ist es gut, ganz bewusst Zeiten der Entspannung und der Entschleunigung zu haben.“ Der Kaffee im Sitzen, der Spaziergang zur Bushaltestelle, die bewusste Pause. Es sind kleine Dinge des Alltags. Sie lassen sich Schritt für Schritt einüben. Aber sie ebnen den Weg zu einer Entdeckung: Entschleunigung führt zu einem neuen Bewusstsein für sich selbst, zu mehr Achtsamkeit, wie Assländer sagt. „Das Zauberwort heißt Achtsamkeit. Achtsamkeit ist ein zentraler Begriff in allen spirituellen Wegen.“ Zum Beispiel im Buddhismus, der immer mehr Europäer fasziniert. Die innere Ruhe wieder zu entdecken, das ist ein zentrales Ziel im Buddhismus. „Das heißt, ich bin geistig in dem, was ich tue. Damit ist Hektik schon gar nicht mehr möglich. Wenn ich achtsam meinen Fuß aufsetze, kann ich nicht rennen. Wenn ich achtsam ein Gespräch führe, muss ich gut zuhören. Wenn ich achtsam esse, muss ich sorgsam kauen.“ Ein japanisches Sprichwort lautet: „Die Wolken ziehen vorüber, aber der Fuji bleibt der Fuji.“ Oder: „Der Ozean ist unbewegt, nur die Oberfläche hat Wellen.“ „In mir selbst gibt es einen Teil, der immer in Ruhe ist und zu dem ich in der Meditation wieder Zugang finden kann“, sagt Assländer. Meditation ist im Kern eine Einübung von Achtsamkeit. Man übt, still zu werden, sich auf den Atem zu konzentrieren. In der Meditation versucht man, ganz im Augenblick zu sein und damit ins Leben einzutauchen. Das sind heilende Momente, Momente der Selbstheilung. Stress entsteht ja nicht aus der erledigten Arbeit, sondern aus dem, was noch nicht erledigt ist. Das, was wir als Berg vor uns sehen, belastet uns. Wenn ich aber achtsam nur das tue, dann heben Sorgen und Bedenken, was morgen alles passieren könnte, keinen Raum. Assländer zitiert Jesus von Nazareth: Sorge dich nicht um das Morgen, jeder Tag hat seine eigenen Sorgen. Und er zitiert die Geschichte von Beppo dem Straßenkehrer aus dem Jugendbuch „Momo“. Wenn der die lange Straße sieht, denkt er, er wird nie mehr fertig. Er hetzt sich, kommt außer Puste und dann geht gar nichts mehr. So darf man es nicht machen. Man muss einen Schritt machen, Atem holen, Besenstrich. Und dann nichts anderes als Schritt, Atemholen, Besenstrich und irgendwann ist die Straße gekehrt. Ludwig Sanhüter
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