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Mainpost, Das Thema
27. März 2009
von Ludwig Sanhüter

Vertrauen schafft Vertrauen

Neue Wege angesichts der Krise

Vertrauen ist eine Oase des Herzens, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird, heißt es im Orient. Um Vertrauen ging es bei den Mainfränkischen Wirtschaftsgesprächen.

 

Die Krise hat viel Vertrauen zerstört, heißt es allenthalben. Vertrauen in die Wirtschaft, Vertrauen in Manager, Vertrauen in die Zukunft – wer glaubt noch an Versprechungen? Wer will noch vertrauen? Allzu leicht kann das enttäuscht werden. Mehr Kontrollen werden jetzt vielfach gefordert.

Doch so einfach ist es nicht, sich vom Vertrauen zu verabschieden. Denn Vertrauen ist die Grundlage jeden Handelns, sogar unseres ganzen Lebens. Dem großen Bedürfnis nach Werteorientierung – so David Brandstätter, Geschäftsführer der Mediengruppe Main-Post – tragen die Mainfränkischen Wirtschaftsgespräche mit dem Titel „Aus-Wege: Aufbruch in eine neue Zeit“ Rechnung. Veranstaltet werden sie von der Mediengruppe Main-Post und der IHK Würzburg-Schweinfurt. Die Finanzkrise habe sehr viel Geld vernichtet, so Brandstätter. Die Krise habe aber auch Vertrauen in die Regierung, die Ökonomie, die Politik, die Gesellschaft „und manchmal in uns selbst“ vernichtet.

Vor fast 400 Gästen aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Leben sprachen im Vogel Convention Center in Würzburg der Benediktinerpater Anselm Grün, der Unternehmensberater Friedrich Assländer, der Ärztliche Direktor der Heiligenfeld-Kliniken in Bad Kissingen, Joachim Galuska, und Wolfgang Gutberlet, Vorstandsvorsitzender von tegut über das Thema „Vertrauen“. Moderator war Michael Reinhard, Chefredakteur der Mediengruppe Main-Post.

Pater Anselm Grün zitierte aus der Regel seines Ordensgründers Benedikt von Nursia, der im 6. Jahrhundert nach Christus in den Wirren der Völkerwanderung einen festen Punkt im Glauben an Gott fand. Er sah auch in jedem Menschen einen guten, göttlichen Kern. „Benedikt lehrt uns, an das Gute im Menschen zu glauben.“ Daraus ergibt sich ein großes Vertrauen in die Menschen. Wer alles kontrollieren will, dem gerät das Leben aus den Fugen. „Eine Beziehung kontrollieren zu wollen, ist der sichere Tod dieser Beziehung“, so der Pater.

Vertrauen wirke sich auch im Berufsleben aus, betonte Anselm Grün. Der Abt dürfe nicht ängstlich oder misstrauisch sein, sonst kommt er nie zur Ruhe, warnt der heilige Benedikt. Vertrauen gebe den Mitarbeitern auch die Kraft, über sich hinauszuwachsen. Chefs sollten den Rücken stärken und nicht auf Fehler fixiert sein. Denn „Wer nur alles richtig machen will, der bewegt nichts“. Statt über die Krise zu jammern, so der Rat von Pater Anselm Grün, solle man neue Wege des Lebens und des Wirtschaftsgeschehens suchen.

Friedrich Assländer nannte Vertrauen in einen selbst und den anderen die Basis aller Handlungen. Die Krise zeige, dass die alten Wege nicht mehr taugen und und es nötig sei, neue Wege zu beschreiten: geistige Wege, ein anderes Denken, ein anderes Bewusstsein. Vertrauen sei dabei unabdingbar. Der Unternehmensgründer Robert Bosch habe gesagt: „Lieber verliere ich Geld als das Vertrauen meiner Kunden.“

Vertrauen erwerbe man am besten durch vorbildliches Handeln und den Weg der kleinen Schritte. So habe ein Chef seine Mitarbeiter von der Notwendigkeit des Sparens überzeugt, indem er selbst einen kleinen Dienstwagen anschaffte und nur noch 130 Stundenkilometer fuhr, um Benzin zu sparen. Wenn aber Aktiengesellschaften hohe Gewinne machten, Managergehälter erhöhten und gleichzeitig Mitarbeiter entließen, dann zerstöre das Vertrauen. „Der Weg ist es, Werte vorzuleben. Dann wächst Vertrauen. Denn Vertrauen entsteht durch Erfahrung, nicht durch Denken.“

Wolfgang Gutberlet von tegut plädierte für Vertrauen in das Mögliche angesichts der herrschenden Situation. Derzeit werde das Vertrauen in die Systeme der Finanzwelt und der Wirtschaft zerstört. Vertrauen aber schenke man zuallererst einem anderen Menschen. Jemandem vertrauen heiße, „das vorwegzunehmen, was sich in einem Menschen entwickeln könnte“. Freilich sei Vertrauen immer „in Bewegung“, lebe immer mit dem Misstrauen. „Durch Taten und Authentizität zeigt mir der andere, ob ich ihm vertrauen kann, ganz nach dem Sprichwort ,trau schau wem'.“

Zugleich brauche Vertrauen auch Freiheit, es sei mehr als ein Tauschgeschäft, über das man im Sinne von Leistung und Gegenleistung Rechenschaft ablegen könne.

Der Psychotherapeut, Unternehmer und nach eigener Aussage spirituelle Mensch Joachim Galuska nannte das Urvertrauen den Kern allen Selbstvertrauens und Vertrauens in andere. Kleinkinder erwerben es über ihre Bezugsperson, die ihnen Geborgenheit, Zugehörigkeit, Willkommensein, Angenommensein und Geliebtsein vermittelt. Werde dies gestört, etwa durch Verlusterfahrungen, bilde sich Urmisstrauen, fehle der innere Halt. „Dann wird das Leben ein ständiger Überlebenskampf, ein Getriebensein.“ Dagegen stellte Galuska das Urvertrauen als „Vertrauen ins Vertrauen in sich und andere“.

Er kritisierte die gegenwärtige Kultur als egozentrisch, weil sie auf den Einzelnen fixiert sei und darauf, den anderen zu benutzen. Soziales Vertrauen gebe es aber nur, wenn man die Selbstverwirklichung und das Teil-einer-Beziehung-sein ins Gleichgewicht bringen könne. Im Beruf sollte Selbstvertrauen mit realistischer Selbsteinschätzung einhergehen, soziales Vertrauen mit Gerechtigkeit und Fairness im Umgang. „Als Unternehmer habe ich nicht das Vertrauen, dass alles gut geht, sondern dass ich mit den Problemen umgehen kann.“

Die Veranstaltungsreihe wird mit den Themen „Verantwortung“ und „Selbst-Bewusstsein“ im Juli und September fortgesetzt.