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Main-Post – Journal 29. September 2008 Sinn und Wert von Gefühlen am ArbeitsplatzWürzburger Unternehmensberater über Emotionen im Beruflichen und den Umgang mit Vorgesetzten Gute Laune, Stolz, Freude. Wut, Ärger, Enttäuschung. Die menschliche Palette der Gefühle ist vielseitig, der Umgang mit ihnen nicht immer ganz einfach. Weit verbreitet ist beispielsweise der Glaube, Gefühle nur im Privatleben zeigen zu können. Am Arbeitsplatz hätten sie keinen Raum. Falsch, sagt der Würzburger Unternehmensberater und Personaltrainer Friedrich Assländer, der zusammen mit Pater Anselm Grün das Programm „Führen und geführt werden“ im Haus Benedikt in Würzburg leitet. Ein Gespräch über Unternehmenskultur, Kritik, Grenzen, Anpassung und Mut.
Frage: Über Gefühle spricht man nicht, heißt es. Schon gar nicht im Beruf. Warum ist es dennoch wichtig, über Gefühle am Arbeitsplatz reden? Friedrich Assländer: Weil sie vieles bewirken. Emotionen sind spezifisch menschlich. Das unterscheidet uns vom Computer. Und wenn wir sie am Arbeitsplatz zeigen dürfen und wenn es dafür Verständnis gibt, dann ist das ein Idealfall. Dann geht es den Mitarbeitern gut. Sie haben Vertrauen, fühlen sich sicher und können sich entfalten, auch in ihrer Leistungskraft. Gefühle zeigen heißt jedoch nicht, sie beliebig auszuleben. Was rät der Unternehmensberater? Assländer: Grundsätzlich gibt es drei Formen im Umgang mit Gefühlen: Die unreife, unqualifizierte Art ist, Gefühle ungebremst herauszulassen. Die zweite, etwas bessere, aber immer noch nicht gute Form ist, seine Gefühle zu unterdrücken und alles hinunterzuschlucken. Das führt auf die Dauer zu Magengeschwüren oder Bandscheibenvorfällen. Die gesunde, optimale Art ist: Gefühle zulassen, sie ausdrücken und zeigen, aber sich nicht zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen. Wie sieht das in der Praxis aus? Etwa wenn man sich über einen Kollegen oder über den Chef geärgert hat? Assländer: Abstand gewinnen und erst innerlich zur Ruhe kommen, dann hingehen und sagen: Ich habe mich über Sie geärgert. Das befreit von dem Druck, der sich in einem aufgebaut hat. Allerdings setzt das voraus, dass mein Gegenüber auch damit umgehen kann. Und wenn nicht? Assländer: Menschen sollten durchaus etwas mehr Mut haben, Dinge anzusprechen, die nicht in Ordnung sind. Selbst wenn sie erleben, dass jemand nicht die Fähigkeit besitzt, Kritik anzunehmen. Was macht eine gute Unternehmenskultur aus? Assländer: Ein Unternehmen erkennt man unter anderem an der Fehlerkultur, auch wie dort mit Kritik umgegangen wird. Reife Persönlichkeiten können Kritik annehmen. Viele Menschen fühlen sich jedoch sofort persönlich angegriffen. Sie können nicht zwischen Verhalten und Person unterscheiden. Ein anderer Punkt ist, dass in vielen Unternehmen ein weit verbreiteter Unglaube über die Bedeutung von Gefühlen herrscht. Es wird unterstellt, dass Führungskräfte rein rational handeln. Dabei werden Entscheidungen immer durch Emotionen bestimmt. Chefs fällen Entscheidungen also aus dem Bauch heraus? Warum ist das besser als vernunftbetont? Assländer: Eine Führungskraft muss jeden Tag viele Entscheidungen treffen. Niemand kann das alles rational zu Ende denken. Führungskräfte müssen sich auf ihre Intuition verlassen, als auf das Bauchgefühl. Gute Führungskräfte geben das auch offen zu. Auch für Führung sind Gefühle entscheidend, weil sie als Emotio (aus dem Lateinischen: hinausbewegen) etwas bewegen. Begeisterung steckt an. Was kann ein Arbeitnehmer tun, wenn ihm die emotional getroffene Entscheidung des Chefs nicht gefällt? Assländer: Oft werden Entscheidungen auf einer Ebene getroffen, auf die ich als Mitarbeiter keinen Einfluss habe. Dann besteht der reife Umgang darin, dass ich lerne, mich abzufinden mit dem, was ich nicht verändern kann. Oft wird unglaublich viel Zeit und Energie darauf verschwendet, über Dinge zu diskutieren, die man nicht ändern kann. Das ist wie beim Wetter. Es ist sinnlos, ständig übers Wetter zu meckern. Besser ist doch, sich zu überlegen, was die passende Kleidung ist, damit man nicht nass wird. Manchmal aber ist auch Mut gefragt, die eigene Meinung zu äußern, und die Klugheit, das geschickt zu machen. Sich mit etwas abfinden kann aber auch Resignation bedeuten. Assländer: In dieser Situation sollte sich jeder fragen: Macht es einen Sinn, mich ins Zeug zu legen? Oder gehe ich mit meinem Ärger konstruktiv um? In unserem Kulturkreis haben wir mittlerweile ein sehr hohes Anspruchsdenken entwickelt. Veränderungen, die vermeintlich oder tatsächlich Nachteile mit sich bringen, wollen wir nicht akzeptieren. Wir wollen festhalten, was wir haben, auch wenn es unrealistisch ist, und werden ärgerlich. Wir können aber lernen, auch das, was wir als nachteilig empfinden, zu ertragen. Sie sagen aber auch, dass es ungesund ist, Ärger in sich hineinzufressen. Assländer: Sicher ist es hilfreich, wenn man seinen Ärger irgendwo abladen kann. Das berühmte Dampfablassen ist ja ein Stück Seelenhygiene. Ich zeige meinen Ärger, aber ich greife niemanden direkt an. Wir machen uns aber viel zu oft durch unsere Wut zum Opfer. Diese Viktimisierung ist eine hierzulande weit verbreitete Grundhaltung. Hilfreicher wäre, wieder auf die Täterseite zu wechseln, zu handeln und nach vorne zu schauen und sich zu fragen: Was mache ich aus dieser Situation? Es gibt eine Formel, die hilft, sich mit dem abzufinden, was man nicht ändern kann: 'Wer weiß, wofür es noch gut ist.' Bezieht man Ihre Formel aufs Arbeitsleben, dann setzt das ein Betriebsklima voraus, in dem Beschäftigte das aushalten können und sich wohlfühlen. Assländer: Die Treppe wird immer von oben nach unten gekehrt, das heißt: Das Betriebsklima, die Unternehmenskultur wird immer von oben nach unten geprägt. Das ist ein schwieriger Prozess und setzt bei Führungskräften soziale Kompetenz voraus. Ein wesentliches Merkmal ist dabei die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen; nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit fremden. Welche Fähigkeiten gehören noch zur sozialen Kompetenz? Assländer: Das Wichtigste für einen guten Umgang ist, dass Menschen geachtet und geschätzt werden. Wenn ich Respekt vor den anderen habe und ihre Würde nicht verletze, dann habe ich eine gute emotionale Basis für die Zusammenarbeit. Dann geht man auch anders damit um, wenn in der Sache Fehler begangen werden. Ich denke da an den Rat, den der heilige Benedikt einst dem Abt gegeben hat: Er liebe die Brüder und hasse die Fehler. Ich halte diese Regel für genial, denn sie drückt Wertschätzung und Respekt für den Menschen aus und fordert, mit Fehlern hart umzugehen. Sie trennt Verhalten und Person, stellt nicht die ganze Persönlichkeit wegen eines Fehlers in Frage. Welche Emotionen haben am Arbeitsplatz nichts verloren? Assländer: Manche Mitarbeiter projizieren aus persönlichen Defiziten oder Bedürfnissen heraus auf Kollegen oder auf den Chef Erwartungen, die nicht an den Arbeitsplatz gehören. Etwa ihre Sehnsucht nach Liebe. Sie suchen Nestwärme, die ein Betrieb so nicht geben kann. Umgekehrt meinen manche Chefs, alle Mitarbeiter müssten sie lieben, weil sie so viel für sie tun. Auch das ist unrealistisch. Der Betrieb kann zwar durchaus bis zu einem gewissen Grad Wohlfühl-Atmosphäre schaffen, aber das ist kein Ersatz für die Zugehörigkeit zu einer intakten Familie. Zudem ist der Arbeitsplatz kein Therapieplatz. Pathologische Erwartungshaltungen an die Kollegen führen schnell zu Konflikten und Problemen. Wie reagiert man auf Erwartungshaltungen, die man nicht erfüllen kann oder will? Assländer: Jeder Mensch muss lernen Grenzen zu achten und Grenzen zu setzen. Was nehme ich an? Was geht zu weit? Manche Kollegen haben eine große Bandbreite mit den Gefühlen, mit Problemen anderer umzugehen. Dann gibt es Führungskräfte, die sich überhaupt nicht für die Gefühle ihrer Mitarbeiter interessieren. Es gilt, ein gesundes Mittelmaß zu finden und zu erkennen, welche Reaktionen und Verhaltensweisen angemessen sind. Ein Extrem ist, wenn jemand ständig mit seinen Liebesabenteuern protzt oder seinen Liebeskummer ablädt. Da muss man eine Grenze setzen, weil man sonst als Seelenklo missbraucht wird. Andererseits sollte die Trauer eines Kollegen einen Raum haben und von allen mitgetragen werden.
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